Anánke
2026, op. 114
Besetzung: Zwei Schlagzeuger und Streichquintett oder kleines Streichorchester
Dauer: ca. 16 min.
Kompositionsauftrag der Bayerischen Staatsoper
Uraufführung: 18. Oktober 2026, Allerheiligen-Hofkirche, München
Ensemble der Bayerischen Staatsoper
Carlos Vera Larrucea: Schlagzeug 1
Tido Frobeen: Schlagzeug 2
So-Young Kim: Violine I
Julia Pfister: Violine II
Johanna Maurer: Viola
Barna Károly: Violoncello
Blai Gumi Roca: Kontrabass
Werknotiz
Anánke (Ἀνάγκη), die griechische Göttin der Notwendigkeit, steht für das Unabwendbare – für jene Kräfte, die sich dem menschlichen Willen entziehen und dennoch das Leben formen.
Sie gehört zu den ältesten und geheimnisvollsten Gestalten der griechischen Mythologie. In Platons Politeia erscheint sie als kosmische Macht, deren Spindel die Ordnung des Universums trägt und um die sich die Sphären des Himmels drehen. Selbst die Moiren, die Schicksalsgöttinnen, stehen in ihrem Dienst. Anánke verkörpert jene Ordnung, die allem Werden und Vergehen zugrunde liegt – eine Notwendigkeit, in der Freiheit und Schicksal auf paradoxe Weise miteinander verbunden sind.
Im Zentrum meiner inneren musikalischen Notwendigkeit stand die Stille: die Stille vor Beginn des Komponierens oder Aufführens, die Stille, die der Konzertraum uns vermittelt, sowie die innere Stille, die mit interpretatorischer Freiheit verbunden ist und die Aufführenden dabei unterstützt, die Individualität der Gestaltung aus der Aussage heraus intensiv zu erleben.
Die Fragen, die durch Anánke entstanden sind, waren der Ausgangspunkt für diese Komposition: Was empfinde ich heute in der Musik und in ihrer Darstellung als notwendig? Wie lassen sich Gedanken der Notwendigkeit in der Musik ausdrücken und in einen kompositorischen Transformationsprozess übersetzen? Wie können klangliche Verbindungen durch das Paradoxe und Ungewöhnliche entstehen? Wie können eigenständige solistische Aufgaben ihre Ausdruckskraft in einer kontrapunktischen Kommunikation entfalten, sich gegenseitig verstärken und dabei den Zuhörer als Teil des Raumes wahrnehmen lassen? Wie kann der Konzertraum selbst mitwirken und zugleich die Wirkung des gemeinsamen Musizierens auf den Verlauf und die Entwicklung des Klangs prägen? Wie kann daraus jedes Mal eine einzigartige Atmosphäre entstehen, die zugleich von der Freiheit des Augenblicks lebt?
Der kompositorische Prozess führte mich zur Entwicklung einer Dramaturgie aus fünf Episoden, die als zusammenhängendes Ganzes miteinander verbunden sind. Sie sind durch eine festgelegte Choreografie miteinander verknüpft und nutzen den Aufführungsraum möglichst weit als Bühne. Die Konzertbühne wird dabei zum Ort des ersten gemeinsamen musikalischen Treffens.
Ausgehend von der Stille wird der Klangraum eröffnet, und die Interpretinnen und Interpreten werden nach und nach, im Verlauf der fünf Episoden, in den gemeinsamen musikalischen Prozess eingebunden. Die einzelnen Spieler treten nacheinander auf und übernehmen kontrapunktisch eigene Rollen, geben Impulse und entwickeln gemeinsam mit den anderen Mitgliedern des Ensembles einen lebendigen Dialog.
In der ersten und zweiten Episode erklingen im Raum und in Bewegung solistische musikalische Erzählungen, die zunehmend wie Signale zur Entstehung eines Dialogs wirken und zugleich von der Spontanität des Augenblicks, von Aktion und Reaktion, leben. In der dritten Episode kommen alle Mitglieder des Ensembles auf der Bühne zusammen, um gemeinsam einen Tanz zu spielen, der zunächst archaisch, wie in einem Ritual, erklingt und sich später zu einem impulsiven Geschehen mit wechselnden Taktarten entwickelt. In der vierten und fünften Episode entsteht eine Stimmung des Nachklangs, als würde eine magische Klangrealität fortbestehen, die auf eine andere Art von Stille vorbereitet.
Auf diese Weise trägt zunächst jede Stimme individuell mit ihrer eigenen Ausdrucksnotwendigkeit zur musikalischen Entfaltung des gemeinsamen Klanggeschehens und zur Entwicklung des Ensembleklangs bei. Getragen wird der gesamte Prozess von dem Wunsch, durch die Musik die Sinne der Zuhörerinnen und Zuhörer für eine Auseinandersetzung mit dem Thema der heutigen Notwendigkeit (Anánke) zu öffnen.
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