„Der Engel der Eewigkeit“

Sieben Blicke – Hommage à Adolf Wölfli

op. 71, 2017

I. Ankunft
II. Begegnung
III. Ruf
IV. Gebet
V. Licht
VI. Eewigkeit
VII. Abschied

Für gemischten Chor
Dauer: 16 min.

Kompositionsauftrag des Vereins Wölfli&Musik
Uraufführung: 29. April 2018, Kunsthalle, Zürich. Chor: Ensemble Corund Luzern, Dirigent: Steven Smith

Verlag: Musikproduktion Höflich München, Repertoire & Opera Explorer, Gourzi Edition

Ensemble Corund Luzern, Dirigent: Stephen Smith, Foto: Norbert Banik

Werknotiz

„Der Engel der Eewigkeit“ ist eine Hommage à Adolf Wölfli und seinem Leben als Maler, Autor und Musiker gewidmet. Es ist entstanden in der Auseinandersetzung mit seinen Bildern und seiner „inneren“ Welt, seinen Bildthemen, Farben und deren Kombinationen. Der Inhalt seiner Bilder verändert sich mit dem Abstand; von Weitem erscheinen sie als konkrete Bilder mit einem klaren Thema und aus der Nähe überraschen sie mit einer Miniaturwelt aus vielen kleinen Bildern. Diese Kunstform hat mich zu dieser Komposition inspiriert.

Das erste Bild, das mich inspirierte, habe ich im Kunstmuseum Bern gesehen: „Geographische Karte der beiden Fürstentümer Sonoritza und Willi=Wand=West“ von 1911. In Wölflis Schriften, die einen sehr ungewöhnlichen Lebenslauf dokumentieren, tritt auch eine religiöse Figur zutage – in seinen Bildern korrespondiert dies oft mit gemalten Kreuzen. Wölfli schreibt häufig über Maria, er „ruft“ die Götter. In seinem Hauptwerk “Funeral March” streut er immer wieder Gebete und Bibelzitate ein. Die Komposition greift dies auf und stellt damit eine große Nähe zu Wölflis Gedankenwelt her. In zwei der sieben Stücke benutze ich nur die Vokale – als eine Hommage an die Wortschöpfungen und Wortspiele Wölflis. So werden zum Beispiel die Vokale des Gebets „Vater unser“ vertont.

Die Komposition enthält in den Stücken II, III und V Texte aus seinen Schriften „Geografisches Heft Nummer 11 – Schriften 1912-1913“, die vertont wurden. In der Auseinandersetzung mit Wölflis Bildern und Schriften drängt sich mir der Gedanke eines „gefallenen“ Engels auf der Erde auf. Dieser Gedanke des „Engelsmenschen Wölfli“ findet Bestätigung in der immer wieder vorkommenden Formulierung „Der Engel der Eewigkeit“. Daraus ist auch der Titel der Komposition entstanden.

Musikalisch wollte ich sieben Stücke, sieben Miniaturen eines Augenblicks komponieren, die als klangliche Darstellungen dieser Momente dienen. Jedes Stück hat einen eigenen Charakter, aber alle zusammen befinden sich klanglich im gleichen Modus eines größeren Stückes. Es handelt sich auch um eine Intensität, die sich durch harmonische Spannungen in jedem Stück entfaltet.

Zu Beginn des ersten Stücks Ankunft wird das Kyrie Eleison gesungen. Die Musikelemente in diesem Stück erzeugen eine meditative Stimmung und gleichen dem Eintreten in einen neuen Raum, dessen Stimmung uns einnimmt. Das zweite Stück Begegnung beschreibt Wölflis Bewunderung von Maria. Die Tenöre und Baritone halten einen Unisono-Klang, der einem Orgel-Ostinato gleicht; die Spannung bleibt durchgehend von den beiden Gruppen gehalten. Die Soprane und Altos singen abwechselnd die jeweiligen Phrasen von Wölfli wie mit einer einzigen Stimme von Anfang bis zum Ende. Das dritte Stück Ruf ist auf einer dynamischen, engen Harmonik aufgebaut und vermittelt die Intensität eines Rufes an Maria. Das vierte Stück Gebet wird von den Solisten gesungen, während die Tutti-Stimmen einen Klangteppich erzeugen. Die Atmungen der Tutti-Gruppen sollten zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattfinden, so dass der Klang durchgehend aktiv bleibt. Der originale Text ist das Gebet „Vater unser“, aber hier werden nur die Vokale des Gebets gesungen. Es soll die Hilflosigkeit eines Menschen zeigen, der ein Wort nicht vollständig aussprechen kann, so als ob er keine Stimme oder Zunge zum Sprechen hätte und dessen Inneres mit Gut und Böse kämpft. Der harmonische Modus erinnert ein wenig an Altgriechische Elemente. Das fünfte Stück Licht vertont das Wort selbst und beschreibt klanglich die Erleuchtung, in dem z.B. die Harmonien intensiv und zusammenhängend eine Spannung durch die langen Takte aufbauen. Das sechste Stück Eewigkeit wird bestimmt durch harmonische und musikalische Leichtigkeit. Die Gruppen singen wie in einem freien Kanon das Thema und der Dirigent entscheidet über den Zeitpunkt der Einsätze und über das Ende des Satzes. Wichtig ist dabei, den Puls durchzuhalten und die Harmonien zwischen den vier Gruppen zu verflechten. Das Thema ist so bearbeitet, dass immer wieder neue Klangzufälle erzeugt werden. Das letzte Stück Abschied entsteht durch ein- und ausatmende Geräusche. Der rein gesangliche Teil ist vorbei und das Ende wird zum Anfang eines inneren, kraftvollen, aber ruhigen Abschieds. AAA

Alle Miniaturen werden nacheinander gesungen und vom Dirigenten durch Spannungspausen verbunden. Das Stück soll der immer näheren Betrachtung eines Bildes von Adolf Wölfli ähneln, in deren Verlauf die Details zunehmend klarer werden. Es gleicht damit auch einem spirituellen Ritual.

„Der Engel der Eewigkeit“ als eine Hommage à Adolf Wölfli habe ich in meine Engel-Kompositionsreihe für verschiedene Besetzungen aufgenommen. Diese Komposition ist die sechste der Engel-Kompositionsreihe.

Pressestimmen

„Vor allem «Der Engel der Eewigkeit» von Konstantia Gourzi wirkt intensiv. (…) Da ist ein unberechenbar wogender Klang der Männerstimmen, und die Sopranistinnen singen extrem hoch. Die stimmliche Anstrengung ist wohl gewollt, bringt sie doch den Ausdrucksdrang Wölflis treffend zum Ausdruck. Das Ensemble Corund unter der Leitung seines Gründers Stephen Smith zieht den Ansatz durch: Die Silben des Wortes «Maria» scheinen auf einem offenen Ozean zu treiben, von Wölflis eigenem Namen bleiben bloss Vokale wie a, e, o, i und ü übrig. Am Schluss scheinen die Worte förmlich überhitzt, und das Stück endet mit einem ebenso schlichten wie ergreifenden Ein- und Ausatmen der Sänger.“

Basler Zeitung, 28. Mai 2018

Hörbeispiel

Partitur

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2018-12-12T13:39:45+00:00