Vita – Konstantia Gourzi2018-03-15T13:00:23+00:00

Ein biographischer Essay

Sehnsucht nach klingender Koexistenz

Konstantia Gourzi baut Brücken über die Kulturen und Epochen, über Raum und Zeit hinweg. Sei es als Komponistin, wo sie ihre eigene Stimme im Miteinander des scheinbar Unvereinbaren findet; sei es als Dirigentin und Professorin, wo sie mit anderen an einer neuen Welt der Gleichberechtigung zwischen Weiblichem und Männlichem, zwischen Fremdem und Vertrautem baut.

Die in Deutschland lebende, 1962 in Athen geborene Griechin ist sich bewusst, dass es heute keine geringere Aufgabe ist, zu künstlerischer Authentizität zu finden, als dies in früheren Epochen der Fall war. Wir leben in einer Zeit, die den Komponisten wahrhaft uneingeschränkte Recherchemöglichkeiten und Kombinationen geographisch und entstehungszeitlich unterschiedlichster Einflüsse offeriert. Denn je mehr verschiedenartige Anregungen auf den Menschen einwirken und verarbeitet werden müssen, desto umfangreicher ist die Herausforderung, eine unverkennbare künstlerische Stimme zu finden. Natürlich spielt bei Konstantia Gourzi ihre spezifische kulturelle Konstellation eine tragende Rolle. Einerseits ist da die Verwurzelung im griechischen Kulturkreis, der untrennbar mit frühchristlich byzantinischen Traditionen und der Ausstrahlung der orientalischen Musikkulturen nach Südosteuropa verbunden ist; andererseits ist es die westliche Welt mit ihren polyphonen Errungenschaften und der auf der modernen Instrumentenentwicklung basierenden internationalen Avantgarde mit ihren Klang-, Geräusch und Strukturforschungen. In diesem Spannungsfeld empfängt Konstantia Gourzi ihre Schaffensimpulse.

Erfahrungen auf dem Weg nach oben

Es war eine schicksalhafte Fügung, dass sie als 13jährige in Athen Kompositionsschülerin von Michael Travlos, einem ehemaligen Studenten von Isang Yun, wurde. Hatte doch Yun zeitlebens versucht, eine Fusion der uralten Traditionen seiner koreanischen Heimat mit den zeitgenössischen Impulsen zu verwirklichen: Archaische Wurzeln geraten in Interaktion mit der revolutionären Suche nach und Exploration von neuen Stilmitteln – das könnte auch als ein Motto über Konstantia Gourzis Schaffen stehen, bildet eine treibende Kraft ihrer Identitätssuche. 1987 kam sie nach Berlin und „lernte in der Kompositionsklasse von Franz Martin Olbrich vor allem, wie ich nicht komponieren wollte“. Sie war auf sich selbst zurückgeworfen. Doch das reiche Musikleben Deutschlands hatte viel mehr zu bieten. Ein Kurs bei Diether de la Motte in Darmstadt gab ihr Luft zum Atmen und neue Hoffnung, und das Eintauchen in György Kurtágs lebenssprühenden Miniaturkosmos eröffnete ihr ungeahnte neue Perspektiven. Zugleich ließ sie sich in Berlin auch als Dirigentin ausbilden, und auch hier war das Hochschulstudium (bei Hans Martin Rabenstein) eine Ernüchterung, doch besuchte sie vier Jahre lang fast alle Proben der Berliner Philharmoniker und sammelte ihre entscheidenden Erfahrungen im konkreten Moment der Entstehung von Musik auf höchstem Niveau, zumal Claudio Abbado, bei dem sie assistierte, ihr zeigte, „wie neue Musik atmen kann“. Auch Günter Wand war eine starke Anregung, sowohl in der Erfahrung der Symphonik Anton Bruckners als in der Maxime, „dass das Dirigieren zeitgenössischer Musik ein Gewinn für das Verstehen traditioneller Musik ist“. Ihr Vorbild als Dirigent freilich sollte Carlos Kleiber in seinen Operndarbietungen sein.

Dirigentin und Professorin

Konstantia Gourzi verkörpert die heute eher selten gewordene Vereinigung von Komponistin, Dirigentin und Professorin. In letzteren Disziplinen kommen ihr vor allem ihre rationalen Fähigkeiten zugute, als umsichtige und vorausschauende Organisatorin, zielstrebige Arbeiterin und empathische Kommunikatorin. Sie versteht es, kontinuierlich viele Stränge parallel zu verfolgen, intelligente und kreative Konzepte Schritt für Schritt umzusetzen und auszubauen, ihren Ensembles eine klare Identität zu geben und sich mit der hohen Qualität ihrer Arbeit den Respekt und Zuspruch ihrer Studenten und Kollegen, von Publikum, Förderern, Veranstaltern und Presse zu sichern. Schon in Berlin gründete sie das Ensemble ‚attacca berlin’ und die internationale Konzertreihe ‚Zeitzonen’ und leitete von 1999 bis 2007 das Ensemble ‚Echo’.  2002 wurde Konstantia Gourzi als Professorin an die Hochschule für Musik und Theater in München berufen. Dort wirkt sie seither in all ihrer Vielseitigkeit mit der für sie so bezeichnenden energischen Geschmeidigkeit und avancierte bald zu einer zentralen Säule des Neue-Musik-Lebens der bayerischen Landeshauptstadt. Ihre erste Großtat in München war die Gründung des sich aus Studenten zusammensetzenden ‚ensemble octopus für musik der moderne’, das sie seither leitet. Dieses Ensemble ist in seiner stilistischen Flexibilität und dem hohen interpretatorischen Anspruch aus dem Kulturleben Münchens nicht mehr wegzudenken, und wer beispielsweise gehört hat, wie unter ihr die verwinkelte Faktur von Claude Viviers Kammeroper ‚Copernicus’ souverän erschlossen wurde, kann dies nur bestätigen. In Zusammenhang mit dieser kontinuierlichen Arbeit bringt sie den Dirigierstudenten das Gespür für die zeitgenössische Musik in all ihren Facetten nahe. Sie hilft ihnen, eine authentische Beziehung zum Neuen, Unvorhersehbaren aufzubauen, und steht allen jungen Musikern, die ein echtes Interesse beweisen, nachhaltig als Mentorin zur Verfügung. 2007 gründete sie außerdem das ‚Netzwerk und Ensemble opus21musikplus’, in welchem die zeitgenössische Musik mit anderen Kunstformen und Musikrichtungen in eine symbiotische Wechselbeziehung tritt. Als Dirigentin, die keine Herausforderung scheut und mit langjähriger Erfahrung präzise und brillant über das notwendige technische Rüstzeug für herausragende Aufführungen verfügt, hat Konstantia Gourzi sich wie als Komponistin längst international durchgesetzt, was sich symbolisch in ihrem Auftreten in dieser Doppelfunktion mit einem neuen Auftragswerk am Pult des Lucerne Festival Academy Orchestra beim Lucerne Festival manifestierte.

Die Komponistin Konstantia Gourzi

Als Komponistin erforscht Konstantia Gourzi auf der Grundlage einer sich fortwährend erweiternden Kenntnis der musikalischen und klanglichen Phänomene in ihrer unerschöpflichen Bandbreite vor allem die intuitiven, irrationalen Regionen des menschlichen Geistes. Ihre Musik ist niemals rein intellektuell-konzeptualistisch, das Experimentieren geschieht stets in Bezug auf einen musikalisch erlebten Kern. Das bedeutet, dass Gespür und Gefühl immer eine tragende Rolle im kreativen Prozess spielen. Sie sucht in ihrer Musik die Grenzen des Rationalen, Definierbaren zu überschreiten, die Musik aus den ihr innewohnenden Kräften wie von selbst Gestalt annehmen zu lassen, wobei die Unterscheidung zwischen festgeschriebenen Konturen und improvisatorischer Freiheit transzendiert wird. So kann der Eindruck entstehen, dass das Neue, was erstmals entsteht, zugleich immer schon da war, dass Aktualität und Zeitlosigkeit zu einer unauflösbaren Einheit verschmelzen. Das beschwört in Stücken wie ‚Vibrato 2’ für Streichquartett und Klavier traumhafte Zauberwelten herauf, die wie magische Rituale aus einer ‚anderen Welt’ anmuten. Diese andere Welt erscheint wie eine Unterströmung der uns bekannten Welt, die zugleich existiert, uns jedoch die Realität in einem anderen Licht erscheinen lässt und auf subtile Weise aus der konditionierten Wahrnehmung befreien hilft. Ihre Motivation als Komponistin bezieht Konstantia Gourzi „aus einer Kraft, die stärker als mein Bewusstsein ist und mich immer wieder erneut drängt, die griechischen Wurzeln mit den westlichen Errungenschaften zu vereinigen und zum Ausdruck zu bringen. Es ist wie ein Geheimnis, etwas Verborgenes, das zur Aussprache kommen will. Das ‚zwingt’ mich zugleich, eine Verbindungslinie zwischen Gestern und Heute zu suchen. Unsere Wurzeln, auch unsere musikalischen, sind Teil unseres Ichs. Und indem wir uns über das Eigene bewusst werden, können wir das Andere und den Anderen annehmen, wie es ist, ohne von ihm zu fordern, sich zu ändern, um zu etwas Gemeinsamem zu kommen. Meinen Beitrag dazu leiste ich, indem ich Klänge und Haltungen verschiedener Religionen und Kulturen zusammen bringe und sehnsüchtig eine die vordergründig erscheinenden Gegensätze transzendierende Klang-Koexistenz Gestalt annehmen lasse.“ Zugleich sieht sie es als Aufgabe der Komponisten von heute, „Authentizität und Freiheit zu gewinnen und auszustrahlen, die innere Stimme zu entdecken, sich entfalten zu lassen, und ihr zu folgen, und musikalische Verbindungen zu schaffen, die vorher nicht verwirklicht wurden“. Musik soll dem Menschen „Reichtum von Gefühlen, Hoffnung, Erweiterung des Denkens, Erwachen des Bewusstseins, Fantasie, Erleichterung, Leben und Liebe“ vermitteln können. Wie das in der konkreten Manifestation aussieht, ist jedes Mal unvorhersehbar, denn „immer, wenn ich mit einer neuen Komposition anfange, hinterfrage ich alles und lasse alle Erfahrungen beiseite. Während dieses Prozesses entsteht die Dramaturgie jeder neuen Komposition. Es schafft sich von selbst, und ich habe das Glück, bei dieser Geburt dabei sein zu können.“

Christoph Schlüren, Dezember 2016